Seit 1991 die einzige deutsch-ungarische Gesellschaft mit Sitz in der deutschen Hauptstadt

Sitz der Gesellschaft: Collegium Hungaricum, 10178 BERLIN-MITTE
Post bitte ausschließlich an Postfach 31 11 24, D-10641 BERLIN – E-Mail: info@d-u-g.org – Tel: +49-(0)30-242 45 73

Jahr 2015

 

 

DER SEUSO-SCHATZ

Wiedergabe eines Aufsatzes unseres Mitglieds Dr. Orsolya Heinrich-Tamáska sowie einer ergänzenden, von Dr. Wilfried Franzen besorgten Ankündigung eines "Handbuchs zur Geschichte der Kunst in Ostmitteleuropa". Beide Beiträge erschienen in MITROPA 2014, dem Jahresheft des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) an der Universität Leipzig. Die Danksagungen und weitere Angaben sind am Ende des zweiten Textes zu finden. Bereits hier möchten wir auf das freundlicherweise zu beachtende Copyright an den Abbildungen und an den Texten hinweisen.

 

Abb. 1: A Seuso-kincs és Pannónia (Der Seuso-Schatz und Pannonien). Deckblatt der Publikation von Zsolt VISY (Hg.), Pécs 2012. © Abbildung: Visy, GWZO, Heinrich-Tamásk sowie (nur für diese Internetveröffentlichung) kr/DUG.

 

 

ORSOLYA HEINRICH-TAMÁSKA

Ungarns neues "Familiensilber": Der Seuso-Schatz

(entnommen mit freundlicher Genehmigung des GWZO dessem Jahresheft MITROPA 2014, Teil "Leseproben", S. 8 bis 12)

 

Als "Ungarns Familiensilber" bezeichnete Viktor Orbán einen Satz römischen Tafelgeschirrs aus Silber (Anm. 1), den er auf einer Pressekonferenz am 26. März 2014 – kurz vor den Parlamentswahlen – der Öffentlichkeit präsentierte. Die acht durch die ungarische Regierung angekauften Exemplare gehören zum sogenannten Seuso-Schatz aus dem 4. Jahrhundert (Abb. 1), um dessen Auffindungsort und den damit verbundenen Rechtsanspruch seit den frühen 1990er Jahren ein heftiger juristischer Streit geführt wird. Als umstritten gilt die Herkunft der Silberfunde. Mit der Provenienzfrage ist auch der Anspruch verbunden zu beweisen, daß es sich bei diesem Fundkomplex um eine Neuentdeckung handelt.

Ungereimtheiten waren bereits 1984 in Los Angeles aufgefallen, als die im internationalen Kunsthandel aufgetauchten Funde an das dortige Getty-Museum veräußert werden sollten. Deshalb deponierte man die Stücke – insgesamt 14 Gefäße und Platten sowie einen Kupferkessel – vorübergehend bei einer Stiftung und bot sie erst 1990 erneut zum Kauf an. Kaum waren die Bilder für die Sotheby’s-Auktion in New York veröffentlicht (Anm. 2), erklärten zuerst der Libanon, danach Jugoslawien (nach 1993: Kroatien) und schließlich Ungarn ihren Anspruch auf diese besondere Entdeckung. Aus Ungarn wurden sowohl archäologisch-wissenschaftliche Argumente als auch Ergebnisse einer polizeilichen Spurensuche vorgebracht, die belegen sollten, der Fundort habe innerhalb der eigenen Landesgrenzen gelegen. Der Libanon zog seine Forderungen noch während der Verhandlungen zurück, den Argumenten Ungarns und Kroatiens wurde beim Prozeß kaum Beachtung geschenkt, vielmehr räumte das Gericht die Rechte auf den Schatz zunächst der erwähnten Stiftung ein (Anm. 3).

Die krimireifen Ermittlungen der ungarischen Polizei zu den Umständen der Auffindung liefern nun allerdings wichtige Beweise dafür, daß der Schatz in Ungarn, in der ehemaligen römischen Provinz Pannonien, nordöstlich des Plattensees entdeckt worden sein muß (Abb. 2).

 

Abb. 2: Das spätrömische Pannonien im 4. Jahrhundert: Der vermutete Fundort des Silberschatzes bei Polgárdi sowie der Grabungsort Szabadbattyán. Karte: Urheberin Lisa GOLDMANN. Nach: Die "Josephinische Aufnahme". Die erste militärische Vermessung. Königtum Ungarn. DVD Arcanum Adatbázis Kft. © Abbildung: Goldmann, Arcanum Adatbázis, GWZO, Heinrich-Tamáska sowie (nur für diese Internetveröffentlichung) kr/DUG.

Den Schatz hatte der vermutliche Finder Pál Sümegh offensichtlich in seinem Weinkeller bei Polgárdi versteckt gehalten, wo er selbst 1980 erhängt aufgefunden wurde. Nachbarn und Freunde bei der Armee – Sümegh leistete damals gerade seinen Wehrdienst ab – konnten sich an Äußerungen erinnern, die auf die Entdeckung "eines besonderen Fundes" hinweisen.

Der zunächst als Selbstmord verbuchte Vorfall wurde zehn Jahre später erneut untersucht, um eine mögliche gewaltsame Einwirkung Dritter bei diesem Todesfall zu klären. Dabei dokumentierte man am Boden des Kellers eine kreisförmige Verfärbung, die genau der Größe des Kupferkessels entsprach, der zusammen mit den Silbergefäßen in den USA zum Verkauf stand. Die Erdpartikel am Kessel, die man bei den Gerichtsverhandlungen untersuchen ließ, zeigten zudem Übereinstimmungen mit der Bodenprobe aus der Grube (Anm.4).

Die pannonische Provenienz des Seuso-Schatzes konnte zusätzlich durch archäologische Analysen untermauert werden, deren Ergebnisse vor kurzem in dem hier eingangs abgebildeten Band zusammengefaßt worden sind (Anm. 5). Auf dem Mittelmedaillon der sogenannten Seuso-Platte befindet sich die Aufschrift "PELSO", die lateinische Bezeichnung für den Plattensee (Abb. 3). Darüber hinaus umfaßt eine Inschrift das Medaillon, die einen Personennamen keltischen Ursprungs als Teil einer Widmung enthält. Der dort genannte "SEUSO" dürfte demnach der einstige Besitzer dieses und der weiteren Gefäße gewesen sein (Anm. 6).

Abb. 3: Umzeichnung des Mittelmedaillons der Seuso-Platte (SEVSO, PELSO: beide Namen sind von Heinrich-Tamáska rot hervorgehoben). Graphik: Krisztián KOLOZSVÁRI. Vgl. Zsolt VISY: Geschichtliche Probleme des Seuso-Schatzes. In: Matthias HARDT und Orsolya HEINRICH-TAMÁSKA (Hg.): Macht des Goldes, Gold der Macht. Weinstadt 2013. S. 55-62, hier: S. 57, Abb. 1. © Abbildung: Kolozsvári, GWZO, Heinrich-Tamáska sowie (nur für diese Internetveröffentlichung) kr/DUG.

Der Fundort ließ sich mit Hilfe archäologischer Untersuchungen zudem weiter eingrenzen. Bereits 1878 hatte man bei Polgárdi – in der Nähe des Weinkellers von Sümegh – ein Silberobjekt entdeckt: einen Ständer, einen sogenannten quadripus. Dieser muß ursprünglich zu einem Satz römischen Tafelgeschirrs gehört haben, seine stilistischen Merkmale verbinden ihn in mehrfacher Hinsicht mit den heute bekannten Funden des Seuso-Schatzes (Anm. 7; s. auch den sich anschließenden Beitrag von Wilfried FRANZEN mit Abb. 4).

Etwa 5 km nordöstlich der Fundstelle des Ständers, in Szabadbattyán (Abb. 2), werden außerdem seit 1993 die Überreste einer römischen Siedlung beziehungsweise Villa ausgegraben. Den Kern bildet ein etwa 13.000 m² großer Peristylbau, errichtet zu Beginn des 4. Jahrhunderts, der mit Heizanlagen, Wandmalereien und Glasfenstern ausgestattet war; ein möglicher und würdiger Wohnort für den Besitzer eines Silbergeschirrs wie des Seuso-Schatzes. Vom Ende der Villa und ihrer Nutzung zeugen Schuttschichten, verscharrte menschliche Überreste und verkohltes Getreide. Die gewaltsame Zerstörung datiert in das letzte Viertel des 4. Jahrhunderts, sie wird mit dem quadisch-sarmatischen Barbareneinfall im Jahre 374 in Verbindung gebracht. Im Zuge dieses Militärzugs könnte also der Seuso-Schatz vergraben worden sein (Anm. 8).

Spätantike Silberschätze sind auch aus anderen Teilen Europas bekannt, zum Beispiel aus Kaiseraugst (Augusta Raurica/Schweiz) oder aus Vinkovci (Cibalae/Kroatien) (Anm. 9); auch sie wurden teilweise auf Grund feindlicher Überfälle deponiert und versteckt. Die Bestandteile des Seuso-Schatzes umfassen neben Serviceplatten, Kannen und Amphoren auch situlae (Eimer) und Toilettenbestandteile, es fehlen aber Löffel, Becher und Schüsseln sowie Münzen (Anm. 10). Neben der Seuso-Platte selbst sind drei weitere Serviceplatten bekannt, die nach den Darstellungen in ihren Mittelmedallions als geometrische, als Meleagros- und als Achilles-Platte bezeichnet werden und die zwischen 7,2 und 11,8 kg wiegen. Vergleichsweise schwer also, hat doch die Meerstadt-Platte aus Kaiseraugst lediglich ein Gewicht von 4,6 kg. Darüber hinaus sind fünf Kannen überliefert, die ebenfalls nach ihrer Verzierung benannt wurden: geometrische (ein Paar), Dionysos-, tierverzierte und Hippolytus-Kanne. Sie bringen zwischen 2,6 und 4 kg auf die Waage und lassen damit ebenfalls die Vergleichsbeispiele weit hinter sich. Zudem gehören eine Amphora, ein Toilettenkästchen und ein Handwaschbecken sowie zwei situlae, die formal und stilistisch ein Paar bilden, zum Schatz (Anm. 11).

Alle sind sie aus hochwertigem Silber hergestellt, ihre Ornamentik ist durch Repoussé-Technik (die Amphore und die situlae), durch Punzierung (die Meleagros-Platte) oder Niello (die Seuso- und die geometrische Platte) herausgearbeitet. Partiell feuervergoldete Bereiche akzentuieren die Oberfläche der einzelnen Exemplare. Sie zeugen ausnahmslos von hohem feinschmiedetechnischem Niveau, auch wenn sie in verschiedenen Werkstätten des Römischen Reiches hergestellt worden sein müssen.

Silbergeschirr stellte in der Spätantike nicht nur ein begehrtes Luxusgut dar, sondern war für seinen Besitzer auch eine finanzielle Investition in die Zukunft. Bisweilen diente es als kaiserliches Geschenk an die Anhänger oder als Mittel des Gabentausches unter den Eliten. In der reichen Bildersprache der Gefäße spiegeln sich die vielseitigen kulturellen und geistigen Wurzeln der spätrömischen Gesellschaft wider (Anm. 12).

Nach langen Jahren des Verschlusses ist ein Teil des Seuso-Schatzes nun in Ungarn und damit hoffentlich künftig der Öffentlichkeit und der Forschung zugänglich. Es bleibt aber zu fragen, welche identitätsstiftende Bedeutung dieser Schatz für das heutige Ungarn besitzt, warum man ihn so einfach als "Familiensilber" bezeichnen kann? Da die 15 Millionen Euro für den Ankauf der acht Exemplare aus Steuergeldern bezahlt wurden, muß wohl die Bedeutung des Schatzes der Öffentlichkeit entsprechend vermittelt werden, zumal auch der Ankauf der restlichen noch bekannten Stücke geplant ist. Bemerkenswert ist auch die "Strategie" der ungarischen Regierung, die Ankaufsverhandlungen bis zur Präsentation der Stücke vollkommen geheim zu halten, selbst archäologische Expertise wurde nicht hinzugezogen. Der Termin für die "Heimkehr" der Funde eine Woche vor den Parlamentswahlen war perfekt gewählt, die öffentliche Wirkung entsprechend groß. Um die im ungarischen Parlament vorübergehend ausgestellten Funde besichtigen zu können, standen die Menschen Schlange. Viktor Orbán verkündete, ein Land, das Kraft und Ansehen habe, sei in der Lage, wiederzubekommen, was ihm gehöre: „Falls es unser ist, ist es besser bei uns, als anderswo.“ (Anm. 13) Gleichzeitig wurden Pläne laut, die Funde künftig in einem neu zu errichtenden Museumskomplex im Népliget (Budapester Stadtwäldchen) auszustellen.

Nicht nur die zweideutigen Worte des Ministerpräsidenten stimmen skeptisch. Hat doch bislang, zumindest das sollte in Erinnerung gerufen werden, keine juristische Instanz den Anspruch Ungarns darauf bestätigt, das Herkunftsland des Seuso-Schatzes zu sein, selbst wenn die oben skizzierten Argumente deutlich dafür sprechen. Läge eine solche Anerkennung vor, hätte man im übrigen eine Aushändigung ohne Bezahlung verlangen können. Zudem muß man sich fragen, warum die Funde in einem neuen Museum ausgestellt werden sollen. Mit dem Ungarischen Nationalmuseum besitzt der Staat bereits eine Einrichtung, die für Aufbewahrung, Repräsentation, aber auch fachliche Betreuung bestens geeignet ist. Will sich die ungarische Regierung um Schutz und Förderung des kulturellen Erbes bemühen, sollte sie die bestehenden Strukturen erhalten und nicht durch neue Pläne schwächen.

Schließlich bleibt zu betonen: Der Seuso-Schatz ist ein römerzeitlicher Fund. Auch wenn er in Ungarn entdeckt wurde, erstreckte sich die einstige Provinz Pannonien über die heutigen Ländergrenzen hinweg bis nach Österreich, Kroatien und Serbien. Das römische Kulturerbe bildet somit eine gemeinsame Tradition dieser Staaten. Der Seuso-Schatz sollte also nicht als "unser Familiensilber", sondern viel eher transnational und als Ausdruck spätrömischer Kunst und Lebenskultur bewertet werden. Deren "Schätze" sind es allemal wert, bewahrt und angemessen präsentiert zu werden, unabhängig davon, wo sie ans Tageslicht gelangten.

 

ANMERKUNGEN:

Zur Autorin:

ORSOLYA HEINRICH-TAMÁSKA forscht als Archäologin in der GWZO-Projektgruppe "Kontinuität und Diskontinuität des Christentums an der mittleren und unteren Donau zwischen Spätantike und hohem Mittelalter". Ihre letzte, gemeinsam mit PÉTER STRAUB herausgegebene Buchpublikation versammelt neue archäologische Forschungsergebnisse über "Mensch, Siedlung und Landschaft im Wechsel der Jahrtausende am Balaton" (2014).

Ihr Beitrag in der Kategorie "Leseproben" des MITROPA-Heftes belegt das Bestreben von dessen Redaktion, "Arbeitsergebnisse der jüngeren Forschung am GWZO wiederzugeben". Danach gehen die unter diesem Stichwort veröffentlichten Beiträge "auf Aufsätze von Mitarbeitern und Gastwissenschaftlern zurück, auf Vorträge, Monographien oder Publikumstexte, und stellen in lockerer Folge die vertretenen Disziplinen, Epochen, Themen und Methoden vor."

 

Numerierte Anmerkungen:

1: Viktor ORBÁN bei der Pressekonferenz am 26. März 2014 laut: feol.hu/hirek/magyarorszag-visszaszerezte-a-felbecsulhetetlen-erteku-seuso-kincseket-1612277 (02.05.2014).

2: Siehe dazu MANGO, Marlia Mundell: The Sevso Treasure. A Collection from Late Antiquity. In: Sotheby’s Mundell Illustrated Catalogue. Zürich 1990, S. 4–60.

3: HAJDÚ, Éva: A Seuso kincs és Magyarország [Der Seuso-Schatz und Ungarn]. In: Zsolt VISY und Zsolt MRÁVA (Hg.): Seuso-kincs és Pannonia (wie Anm. 5), S. 23–34.

4: Ebd.

5: VISY, Zsolt und MRÁV, Zsolt (Hg.): A Seuso-kincs és Pannónia. Magyarországi tanulmányok a Seuso-kincsro [Der Seuso-Schatz und Pannonien: Wissenschaftliche Beiträge zum Seuso-Schatz aus Ungarn]. Bd. 1. Pécs 2012.

6: MÓCSY, András: Pannonia törzsi arisztrokráciája a késö római korban [Die keltische Stammesaristokratie in Pannonien in spätrömischer Zeit]. In: A Seuso-kincs és Pannonia (wie Anm. 5), S. 107–111. – NAGY, Mihály/TÓTH, Endre: The Sevso Treasure. The Pannonian Connection? In: Miverva 1,7 (1990), S. 4–11.

7: MRÁV, Zsolt: A polgárdi összecsukható ezüstállvány és a Seuso-kincs [Der silberne Klappständer aus Polgárdi und der Seuso-Schatz]. In: A Seuso-kincs és Pannonia (wie Anm. 5), S. 80–106.

8: NÁDORFI, Gabriella: Elözetes jelentés a szabadbattyáni késö római kori épület feltárásáról [Vorläufiger Bericht über die Ausgrabung des spätrömischen Gebäudes in Szabadbattyán]. In: A Seuso-kincs és Pannonia (wie Anm. 5), S. 112–138, bes. Abb. 3. – Zur historischen Interpretation vgl. VISY, Zsolt: Geschichtliche Probleme des Seuso-Schatzes. In: Matthias HARDT und Orsolya HEINRICH-TAMÁSKA (Hg.): Macht des Goldes, Gold der Macht. Herrschafts- und Jenseitsrepräsentation zwischen Antike und Frühmittelalter im mittleren Donauraum. Weinstadt 2013, S. 55–62.

9: CAHN, Herbert A. und KAUFMANN-HEINIMANN, Annemarie (Hg.): Der spätrömische Silberschatz von Kaiseraugst. Derendingen 1984. – GUGGISBERG, Martin A. unter Mitarbeit von KAUFMANN-HEINIMANN, Annemarie (Hg.): Der spätrömische Silberschatz von Kaiseraugst – die neuen Funde. Silber im Spannungsfeld von Geschichte, Politik und Gesellschaft der Spätantike/Römerstadt Augusta Raurica. Augst 2003. – Die Funde von Vinkovci sind eine Neuentdeckung aus dem Jahre 2012 und noch unpubliziert. Sie waren in einem Keramikgefäß deponiert gewesen. Vgl. en.wikipedia.org/wiki/Vinkovci_Treasure (03.05.2014). – Zu weiteren Funden vgl. BARATTE, François: Silbergeschirr, Kultur und Luxus in der römischen Gesellschaft. Mainz 1998.

10: Zur ersten Vorlage und wissenschaftlichen Auswertung des Schatzes vgl. MANGO, Marlia Mundell/BENNETT, Anna: The Sevso Treasure. Part One. Ann Arbor 1994. – Zu den weiteren Funden vgl. VISY (wie Anm. 8), S. 56 f.

11: Die Zusammenstellung der Gewichtsangaben bei NAGY, Mihály: A Seusokincs pannoniai kapcsolatai [Die Verbindungen des Seuso-Schatzes zu Pannonien]. In: A Seuso-kincs és Pannonia (wie Anm. 5), S. 49–63.

12: BARATTE (wie Anm. 9). – Vgl. auch den Beitrag von Matthias Hardt in MITROPA 2014, Jahresheft des GWZO, S. 13.

13: ORBÁN (wie Anm. 1).

 

............................

 

WILFRIED FRANZEN

Handbuch zur Geschichte der Kunst in Ostmitteleuropa. Ankündigung eines Publikationsprojektes des GWZO

 

Das Beispiel des Seuso-Schatzes verdeutlicht, wie sehr die künstlerischen Hinterlassenschaften in Ostmitteleuropa auch heute noch politisch motivierten Vereinnahmungen ausgesetzt sein können. Die Verortung des eigenen kulturellen Erbes im gesamteuropäischen Rahmen und die Bestimmung einer nationalen kulturellen Identität sind Anliegen nicht nur zur Zeit der Nationenbildung am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie charakterisieren die Staaten im neuen Europa auch nach 1989. In der Vergangenheit ließen sich die Geisteswissenschaften allzu bereitwillig in diesem Sinne instrumentalisieren, indem sie historische Befunde und Objekte von vornherein festgelegten Konzepten unterordneten. Diese Konzepte waren, was man durchaus als einen Geburtsfehler des Faches Kunstgeschichte bezeichnen könnte, aus dem Gedanken des Nationalen geboren: so die Idee des Kulturraumes, der Mentalität und Kultur einer Volksgruppe spiegele, aber auch die Idee kultureller Fortschrittlichkeit und Rückständigkeit, die a priori ein Gefälle konstruierte.

Um die vielfältigen kulturellen Verflechtungen und Transferprozesse im östlichen Mitteleuropa darzustellen, entsteht am GWZO seit einigen Jahren ein auf neun Bände angelegtes Handbuch der Geschichte der Kunst zwischen dem Baltikum und der Adria, das die Zeit von der Spätantike bis heute umfassen wird. Bei den Überlegungen, wie sich eine solche, bislang fehlende umfassende Darstellung methodisch und methodologisch bewältigen ließe, sahen sich die Kunsthistoriker am GWZO allerdings mit einem ähnlichen Grundproblem konfrontiert, dem sich auch auf einen Nationalstaat fokussierte Überblickswerke stellen müssen: Ebenso wenig wie es zum Beispiel möglich ist, eine "Kunstlandschaft Ungarn" ohne ahistorische Verkürzungen zu definieren, läßt sich von einer "Kunstregion Ostmitteleuropa" sprechen. Um ein historisch möglichst getreues Bild der Kunst in jenem Gebiet zu zeichnen, ist nicht nur der jeweilige Bestand vor Ort genau zu erfassen, es ist auch nach den Wegen und "Agenten" des künstlerischen Austausches zu fragen. Was bedeutet es, wenn sich verwandte Züge bei Kunstwerken konstatieren lassen, die oft mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt existieren? Wie lief damals eine solche Kommunikation ab, wer waren ihre aktiven Träger?

Mit der für 2015 anvisierten Veröffentlichung des ersten Bandes "Vom spätantiken Erbe zur Frühzeit des Christentums", herausgegeben von Christian Lübke und Matthias Hardt, wird eine Publikation vorliegen, welche die Epoche vor der Formierung der ostmitteleuropäischen Kernländer (Böhmen, Polen, Ungarn) und damit die oft wenig beachteten spätantiken und frühmittelalterlichen Wurzeln der Kunst in dieser Region in den Blick nimmt. Vorgestellt wird unter anderem auch der bei Polgárdi gefundene quadripus, ein kunstvoll gearbeiteter silberner Ständer aus dem späten 4. Jahrhundert, der wahrscheinlich dem Seuso-Schatz zuzuordnen ist. (Abb. 4)

 

Abb. 4: Quadripus aus Polgárdi, römische Werkstatt, 4. Jahrhundert. Rekonstruktion. © Photo: Magyar Nemzeti Múzeum Budapest. Weitere © GWZO, Heinrich-Tamáska, Franzen sowie (nur für diese Internetveröffentlichung) kr/DUG.

............................

 

REDAKTIONELLE ANMERKUNGEN DER DUG: COPYRIGHT, NACHWEISE, DANKSAGUNGEN:

ABBILDUNGSNACHWEISE: Die Abbildungsnachweise sind in der elektronischen Veröffentlichung – anders als in der Druckfassung – unmittelbar bei jeder Abbildung aufgeführt. Alle Rechte an den Abbildungen sind durch das COPYRIGHT der in der Bildunterschrift jeweils im einzelnen genannten Urheber der Abbildungen geschützt; zusätzlich Copyrigh-Berechtige ist die Autorin des Artikels Dr. Orsolya Heinrich-Tamáska, der ein Recht zur Verwendung der Abbildungen für ihren wissenschaftlichen Beitrag von den jeweiligen Erstberechtigten übertragen worden ist, wie es den Herausgebern von MITROPA für den Abdruck der Abbildungen sowie von Dr. Heinrich-Tamáska der DUG (kr/DUG) für die ausschließliche Verwendung in dieser elektronischen Veröffentlichung übertragen wurde. Weitere Copyright-Berechtigte sind bei jeder Abbildung aufgeführt.

Der vorstehende Text ist für eine private oder wissenschaftliche Nutzung in Gänze oder in Teilen unter Creative Commons (CC) Attr. Share Alike 3.0 Unported lizensiert (Urheber: Dr. Heinrich-Tamáska, GWZO und k.r./DUG; Datum 20.07.2015) mit der dort geforderten Maßgabe, daß die vorstehende CC-Autorisation und die Urheberangaben genannt werden. Für sonstige, vor allem kommerzielle Nutzungen des Textes oder einzelner seiner Teile sind das Copyright des jeweiligen Autors und/oder das eigenständige und ausschließliche elektronische Veröffentlichungsrecht der DUG und die Pflicht zur vorherigen Einholung der Genehmigung der Rechteinhaber zu beachten.

DANKSAGUNG: Die Deutsch-Ungarische Gesellschaft e. V. (DUG) mit Sitz in Berlin dankt den beiden Autoren der ihr zum Abdruck überlassenen Beiträge sehr herzlich. Dieser Dank gilt auch dem GWZO als Herausgeber der Jahreshefte MITROPA, in deren Heft des Jahrgangs 2014 die beiden Beiträge auf den Seiten 8 bis 12 im Druck erschienen sind und der der DUG die – einzige – elektronische Wiedergabe der Texte auf deren Vereinsseite erlaubt hat. Ein besonderer Dank ist Dr. Orsolya Heinrich-Tamáska auszusprechen, die ihre Rechte an den Abbildungen für diese Internetveröffentlichung an die DUG (kr/DUG) übertragen hat.

Redaktionelle Hinweise der DUG:

Das andere Format des Druck-Layouts in MITROPA mußte für die vorliegende Veröffentlichung an die Besonderheiten des Internets angepaßt werden. Die Abbildungen wurden in der größtmöglichen Version eingestellt, weshalb das für Vergrößerungszwecke übliche Anklicken der Abbildung zwar möglich ist, hier aber kein größeres Bild erzeugt. Sprachspezifische Sonderzeichen können in dieser elektronischen Textfassung – im Gegensatz zur Druckfassung – nicht berücksichtigt werden.

Ergänzende inhaltliche Hinweise der DUG

Im Lateinischen steht das "V" sowohl für das "U" als auch für das "V". Damit kann in dem umlaufenden Widmungstext des Medaillons (Abb. 3) der Eigenname "SEVSO" als "Seuso" oder als "Sevso" wiedergegeben werden. Im Deutschen spricht man vom "Seuso-[Silber-]Schatz", ebenso heißt es im Ungarischen "Seuso-kincs{ek]", während man auf englisch, französisch, spanisch und italienisch die Form "Sevso" (Sevso-treasure, le trésor de Sevso, el tesoro de Sevso und il tesoro de Sevso) verwendet. Seuso/Sevso ist der Widmugsempfänger, wegen der o-Endung seines Namens war er nicht römischer Abstammung; möglicherweise rührt der Name aus einer vorrömischen, zu den Kelten zählenden Bevölkerung her (vgl. dazu den Namen vom Balaton/Plattensee, den die Römer unter Verwendung eines nicht-lateinischen (Lehn-)Wortes als­­­­­ "Pelso" oder in adjektivierter Form als "Lacus Pelsodis" bezeichneten). Die Widmung auf der in den obigen Aufsätzen behandelten, 70,5 cm Durchmesser und 8,8 kg Gewicht aufweisenden Platte des Tafelsilbers HEC SEVSO TIBI DVRENT PER SAECVLA MVLTA POSTERIS VT PROSINT VASCVLA DiGNA TVIS kann übersetzt werden mit "Dieses möge Dir, Seuso, über viele Jahrhunderte (erhalten) bleiben, wie das (Dir) geziemende Geschirr Deinen Nachkommen von Nutzen sein möge". Am Zusammentreffen der umlaufenden Schrift ist als Trennung von deren Anfang bzw. Ende ein christliches Symbol in einem Kreis zu sehen.

k.r.