Seit 1991 die einzige deutsch-ungarische Gesellschaft mit Sitz in der deutschen Hauptstadt

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Jahr 2014

Überblick über den Inhalt dieser Seite

Auf dieser Seite werden die Texte einiger Vorträge aus dem Jahre 2014 abgedruckt:

2. April in Berlin: Dezsö Keresztury. Referentin: Eve-Marie KALLEN (Hamburg)

[27. Juni in Berlin: Die Situation der ungarischen Minderheit in der Karpato-Ukraine. Referentin: Dr. Csilla FEDINEC (Budapest) – diese Angabe erscheint nur nachrichtlich, da der Vortrag als Teil des FORUMS HUNGARICUM V. auf dessen Unterseite wiedergegeben ist (http://www.d-u-g.org/forum-hungaricum/forum-hungaricum-v-2014/vortragstext-dr-csilla-fedinec.html)]

17. September in Berlin: Die politischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Ungarn im "Annus Mirabilis" 1989. Referent: Dr. Dr. Andreas SCHMIDT-SCHWEIZER (Budapest)

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2. April 2014 (Berlin)

VORTRAG:

DEZSÖ KERESZTURY

Referentin: Eve-Marie KALLEN (Kulturjournalistin, Schriftstellerin und Publizistin, Hamburg)

anläßlich der Vorstellung ihres auf deutsch herausgegebenen Buches

Dezsö Keresztury – Menschen, Werke, Verbindungen – Literatur- und kulturgeschichtliche Studien
Jelenkor Verlag, Pécs (Ungarn)

als Teil des kulturellen Rahmenprogramms für die Jahreshauptversammlung der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin,
am 2. April 2014 im Vortragssaal der Botschaft Ungarns in Berlin-Mitte.

(Das Kulturprogramm umfaßte die vorgenannte Buchvorstellung sowie ein Konzert des Budapester Posaunen-Quartetts FOUR BONES)

Die DUG dankt der Referentin für die freundliche Überlassung ihres Vortragstextes zwecks Veröffentlichung auf der DUG-Internetseite.

Der nachstehende Text ist für eine private oder wissenschaftliche Nutzung in Gänze oder in Teilen unter Creative Commons (CC) Attr. Share Alike 3.0 Unported lizensiert (Urheber: Kallen/K.R./DUG; Datum: 02.04.2014). Für sonstige, vor allem kommerzielle Nutzungen des Textes oder einzelner seiner Teile sind das Copyright der Referentin/Autorin und/oder das eigenständige Veröffentlichungsrecht der DUG zu beachten.


Meine Damen und Herren,

über Dezsö Keresztury heute nachzudenken heißt, über eine Persönlichkeit nachzudenken, deren Spuren inzwischen in Gefahr sind, in der Dunkelheit des anscheinend Unzeitgemäßen zu verschwinden. Sein Leben, das sich fast über das gesamte zwanzigste Jahrhundert erstreckte – von 1904 bis 1996 – stand im Zeichen von Einflüssen, die wir heute vielleicht, jedenfalls auf den ersten Blick betrachtet, für passé, für outdated zu halten geneigt sind. Seine Herkunft aus einem bürgerlichen, katholischen "Lateiner"- Elternhaus in Zalaegerszeg, wo sein Vater mehrere Jahre lang Bürgermeister war, sein Studien-, Denk- und Wissensschwerpunkt auf der vertieften Literatur- und Kulturgeschichte Ungarns und Deutschlands, sein auch politisches Engagement als Vermittler zwischen diesen beiden Ländern, auch seine subtile Nähe und damit doch vereinbarte kritische Distanz zu Staat und Kirche – dies alles indiziert eine bemerkenswert eigenständige, nicht auf Oberflächenkommunikation bedachte Position, wie sie heute zahlreichen Zeitgenossen erstaunlich erscheinen mag. Jedenfalls hat sie Seltenheitswert.

Durch seine zahlreichen Aktivitäten scheint das Profil Dezsö Kereszturys hindurch als das eines Menschen von beachtlich großer Bescheidenheit für die eigene Person. Es ging ihm zu keinem Zeitpunkt um irgendeinen Gewinn für sich selbst. Der Gewinn lag für ihn in der Tätigkeit. Er wollte dem Wissen dienen, und er war überzeugt davon, daß eine möglichst gut fundierte Kenntnis des Nachbarn ein friedfertiges Miteinander fördert. In dieser Überzeugung, die ihn in die Gruppe der Kandidaten für Friedensnobelpreise einreiht, ist Keresztury aktuell und überzeitlich zugleich.

In dem Buch, das ich Ihnen heute vorstelle, sind 22 seiner kürzeren Texte versammelt, Texte, die nur ein einziges Mal zuvor publiziert wurden und die allesamt mit der kulturellen Brückenfunktion zwischen Deutschland und Ungarn zu tun haben. Ich habe dieses Buch 1999 herausgebracht, also bereits nach seinem Tod, und ich füge hinzu, daß ich leider diesen großen Gelehrten und Menschen nie persönlich getroffen habe.

Die Schwerpunkte seiner Biographie sind schnell skizziert. Die Phase des ersten Wissenserwerbs schloß Keresztury nach dem Studium der Ungarischen Sprache und Literatur sowie der Deutschen Sprache und Literatur 1926 ab mit dem Doktor phil. der Eötvös Loránd Tudomány Egyetem (ELTE) in Budapest. Er war Kollegist am Eötvös-Collegium, der ungarischen École Normale Supérieure, später auch Stipendiat am Collegium Hungaricum Wien, und er bewältigte das Mehrfache eines durchschnittlichen Studienpensums in der kurzen Zeit von nur vier Jahren. Kein Wunder, daß man auf den jungen Philologen aufmerksam wurde. Der Direktor des Ungarischen Instituts der Berliner Universität, Julius von Farkas, holte ihn 1929 als Ungarisch-Lektor an sein Institut. Dort verbrachte der junge Keresztury sieben erfolgreiche Jahre. Zu dem Kreis seiner bekannteren Studenten zählen unter anderem die spätere Verlegerin und Übersetzerin Hildegard Grosche sowie ihre Schwester, Friederika Schag. Der begabte und aktive Philologe Keresztury entwickelte eine eigene Lehrmethode und war zusätzlich zu seiner Arbeit an der Universität und am Collegium Hungaricum in der Lage, über diese Institutionen hinauszuwirken und interessanterweise von englischer Seite, nämlich von der damals noch neuen Berlitz-School, den Auftrag zu einem Lehrwerk des Ungarischen zu übernehmen. Keresztury war wahrscheinlich ein besserer Kulturdiplomat seines Landes, als es ein Karrierediplomat jemals hätte sein können.

1931 hielt Keresztury einen Vortrag vor der Berliner Berlitz-School mit dem Titel: "Das unbekannte Ungarn". Darin stellt der Autor die These auf, Deutschland kenne vor allem zwei Gesichter Ungarns: das politisch-militärische und das malerische Ungarn. Nach einem amüsanten Exkurs über die Klischees, die durch die damals modische Operettenseligkeit der turbulenten Zwanziger Jahre auch über Ungarn verbreitet wurden, wird der Vortragende ernster. Hören Sie einen Auszug aus diesem Vortrag:

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„Faßt man aber das Bild Deutschlands vom politischen Ungarn ins Auge, so zeigt sich in ihm doch eine gewaltige Spannung.

Ein gescheiter deutscher Politiker sagte:  'Ungarn ist das einzige Land in Europa, auf das Deutschland immer rechnen kann.' Man weiß also ungarische Treue und Freundschaft zu schätzen. Man verfolgt die straffe Führung der inneren Organisation, in der man viele deutsche, ja, preußische Züge entdeckt. Man spricht von einer sittlich-moralischen Gesundung, bewundert den einheitlichen Willen zur Freiheit und das scharf ausgeprägte Nationalbewußtsein der Ungarn. Man achtet die Zähigkeit der Außenpolitik, die Entschlossenheit der Opposition, das ungarische: „Sem, sem, soha!“, die energische Forderung nach Revision des Geschehenen, welche Ungarn wieder zum Bollwerk des europäischen Gedankens, der christlich-europäischen Humanität und Gerechtigkeit machte. Man liebt Ungarn, das Ungarn von heute: „den schmachtenden Leib, der eine reine und starke Seele in sich birgt.“

Man spricht aber auch vom Land der Reaktion, das sich um europäische Probleme nicht kümmern will und höflich lächelt, wenn man von Paneuropa spricht. Man spricht vom feudalen Staat, wo eine undemokratische, unliberale Schicht die große Volksmasse ausbeutet, vom Land der Exzellenzen, des Herrenvolkes, das sich stolz in die Brust wirft: „Extra Hungariam non est vita!“ Man spricht vom Land der verwegenen Politiker, die in ihrer Verzweiflung zu den extremsten Mitteln greifen und alles auf eine Karte zu setzen geneigt sind.

Ein Gegensatz zwischen westlicher Humanität und östlicher Wildheit, zwischen westlicher Mission und östlichem Eigensinn. Eine Spannung, die nicht heute entstanden, deren Wurzeln tief in die Geschichte der Aufnahme des Ungartums in Europa zurückreichen.“

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Soweit Keresztury in seinem Vortrag vor der Berliner Berlitz-School aus dem Jahre 1931. Sie merken natürlich, meine Damen und Herren, daß Keresztury hier teilweise Sätze formuliert, über die sich die derzeitige ungarische Regierung, die am jetzigen Sonntag gern wiedergewählt werden möchte, sehr freuen würde. Es ist aber die Sprache jener Zeit, in der völkisch-nationales Gedankengut in vielen europäischen Ländern Konjunktur hatte. Deutschland sollte zwei Jahre später in die Hand Hitlers fallen. Keresztury selbst verließ 1936 Berlin und kehrte nach Budapest zurück, denn inzwischen waren Hitlers Nazis immer unverschämter geworden, auch an der Berliner Universität.

1931 aber findet Dezsö Keresztury in diesem inhaltsreichen Vortrag über das unbekannte Ungarn – weitab von allen plakativen Äußerungen – zu einer feinen Analyse der Kultur seines Landes, formuliert in der Sprache seiner Zeit. Er führt seine Zuhörer auf eine zweiteilige Reise, deren erster Teil Spuren Ungarns in Berlin präsentiert, wohingegen der zweite Teil einen beliebigen deutschen Reisenden in Ungarn, vor allem in Budapest darstellt.

Hören Sie wieder Keresztury selbst:

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„Und diesem Deutschen in Budapest wird es aufgehen, daß es neben dem ihm bekannten Ungarn auch ein drittes, ein tieferes gibt. Neben dem politischen und dem malerischen Ungarn: das geistige Ungarn.

Große Deutsche, die bestrebt waren, das Ungartum in seiner Eigenart zu erfassen, versuchten schon die Deutung dieser seltsamen Geistesart. Bismarck fühlte etwas davon, als er in frühem Mannesalter nach Ungarn reiste, sich über das schweigende, träumende Land beugte und von dem stillen Pochen des ungarischen Herzens schrieb. Dieses geistige Ungarn atmet in der abwechslungsreichen Landschaft, in den sanften Hügeln Transdanubiens, in der weiten, grenzenlosen Ebene des ungarischen Tieflandes, in den Flüssen und Wäldern, in den Buchen der Mátra und in den langen Pappelreihen des Plattenseeufers.

Diese Seele lebt in der reichen Lebensfülle der Volkskunst, in den bewegten, ergreifenden Melodien der ungarischen Musik, im märchenhaften Weltbild der Volksdichtung. Sie erscheint symbolisch in den Helden, die sich das Volk erträumt hat und in anderen, die das Schicksal des Volkes leiteten, im Schönheitsideal der Ungarn. Es ist keine plastische, ruhige Gestalt, mehr eine Spannung. Auf der einen Seite die Züge eines klaren, ruhigen Antlitzes, dessen Reich von dieser Welt ist: helle, konkrete Gegenwart, vergegenwärtigte Vergangenheit und Zukunft. Diesem Magyaren eignet eine magische Sicherheit, mit der er von den Dingen der Außenwelt Besitz ergreift; ein ruhiges Gleichgewicht zwischen Leib und Seele, hell und dunkel, Himmel und Erde.

Auf der anderen Seite die umwölkte Stirn des Grüblers, dem die Vergangenheit freudlos, die Zukunft hoffnungslos erscheint, der zwischen Gott und Natur eine tiefe, unüberbrückbare Kluft fühlt, dem die Gnade der freischwebenden Form des Esprit nicht gegeben wurde und der im Gefühl aufzugehen, den Frieden des Mystikers zu finden nicht vermag.

Diese Seele lebt in den Stätten alter ungarischer Kultur, in den Schulen und Universitäten, wo sie sich wieder und wieder mit dem Geiste Europas auseinandersetzte, so daß auf höchster Stufe ungarische und europäische Humanität schwer voneinander zu trennen sind. Diese Seele lebt in der ungarischen Literatur, welche denselben Zwiespalt zwischen der Harmonie übersichtlich geordneter Teile und gestaltlos sich ergießenden Ausdrucks, zwischen klarer, festgeformter Plastizität und unendlich hinströmender Melodie aufweist. Diese Seele lebt in der Sprache, in dieser Synthese östlichen Temperaments und westlicher Logik, östlichen Farbenreichtums und westlicher Abstraktion, in dieser Verschmelzung der plastischen Kürze des schweigsamen ungarischen Bauern und der leichten, anmutigen Plauderei des europäischen Bürgers.

Das unbekannte Ungarn, die ungarische Seele, lebt in der ungarischen Kultur.“

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Soweit Keresztury im Jahre 1931. Da liegen noch weitere fünf Jahre als Lektor für Ungarisch an der Berliner Universität vor ihm. Als dann jedoch ein von den Nazis gewünschter neuer Rektor in einer Vollversammlung aller Lehrenden per Akklamation bestätigt werden soll, zieht sich Keresztury zurück. „Aufhalten konnte ich nichts, mitmachen wollte ich nicht, …“, schreibt er dazu. Als einziger stimmt er gegen den Nazi-Kandidaten und verläßt anschließend, gemeinsam mit seiner jüdischen Ehefrau, Deutschland.

Zuhause wird er mit offenen Armen empfangen. Diesen vielseitigen Gelehrten und Kulturvermittler kann Ungarn nur zu gut gebrauchen. Er wird Ressortchef im Feuilleton des Pester Lloyd, einer deutschsprachigen Zeitung in Budapest, die auch im Ausland abonniert werden und in der man längere Zeit als im "Reich" selbst nazikritische Positionen abdrucken bzw. lesen konnte. Gleichzeitig kehrte Keresztury auch an sein geliebtes Eötvös-Collegium zurück und unterrichtete dort ebenfalls seine bekannten Fächer.

Seine Nähe zu Kardinal Mindszenty brachte ihm nach dem Krieg die Position des Kulturministers in einer der kurzlebigen Zwischenregierungen. Doch nach einem Jahr zog Keresztury sich zum zweiten Mal in seinem Leben von einer beruflichen Position unter dem Druck der politischen Ereignisse zurück.

Die Redaktion des Pester Lloyd war von den ungarischen Pfeilkreuzlern 1944 geschlossen worden. Doch in den acht Jahren davor hatte Keresztury, wie angedeutet, in dieser Zeitung u.a. auch zahlreiche Texte von ungarischen Schriftstellern publiziert, die aus politischen Gründen bereits Publikationsschwierigkeiten bekommen hatten und auf dem besten Wege waren, ausgehungert und verfolgt zu werden. Tibor Déry gehörte zu diesen bedeutenden Autoren.

Als dann ab Ende 1945 Keresztury Kulturminister war und gleichzeitig seiner Lehrtätigkeit am Eötvös-Collegium weiter nachging, befand er sich wohl auf dem kurzen Höhepunkt seiner äußeren Karriere. Doch diese Phase ging schnell vorüber. Ein knappes Jahr später trat Keresztury bereits von seinem Ministeramt zurück und wurde Abteilungsleiter in der Széchényi-Nationalbibliothek. Wer sich in Budapest auskennt, weiß, daß all diese Stätten seines Wirkens geographisch nahe beieinanderliegen, in den malerischen Hügeln von Buda, stets mit dem Blick auf die Donau und die sie überspannenden Brücken. Doch die Lieblichkeit der Landschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Keresztury sich ab Ende 1946 im Zustand eines gefährdeten inneren Exils befand. Ohne die schützende Hand des Kardinals Mindszenty hätte ihm die Regierung Rákosi möglicherweise den Schauprozeß gemacht und ihn hingerichtet. So aber konnte er als Gelehrter und Archivar in Ruhe und Zurückgezogenheit weiterarbeiten und zahlreiche, verschiedenartige Texte, darunter auch eine Biographie des Schriftstellers János Arany, verfassen. In ungarischer Sprache liegen allein gut zehn Gedichtbände aus seiner Feder vor. Er war ein sehr "fruchtbarer" Schriftsteller.

Erst ab 1972, seit dem Abkommen von Helsinki, verbesserte sich seine äußere Situation wieder. Er konnte ins Ausland reisen, nicht nur ins politisch "neutrale" Österreich, womit ihn seit seiner Wiener Zeit ohnehin starke innere Bande verknüpften.

Kereszturys Verbindung zum deutschsprachigen Kulturraum schlug sich in vielen seiner literaturhistorischen Texte nieder. Einen habe ich in dieses Buch aufgenommen. Er trägt den Titel „Österreichische Klassiker und Ungarn“ und präsentiert drei Dichter und einen Verleger. Es sind: Adalbert Stifter, Franz Grillparzer und Nikolaus Lenau sowie Stifters in Pest lebender Verleger Gustav Heckenast.

Hören Sie nun einen Auszug aus diesem Text. Es geht darin um Nikolaus Lenau, den Dichter, mit dem der Literaturwissenschaftler Keresztury sich besonders intensiv befaßt hat.

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„Einer der wesentlichsten Schöpfer derjenigen Traumbilder, die heute noch über Ungarn bestehen, war Nikolaus Lenau. Doch waren seine Traumbilder nicht identisch mit den romantischen Ungarn-Klischees. Der Grund dafür ist hauptsächlich darin zu suchen, daß er einer ungarländischen, deutschen Familie entstammte, die zu dem Militäradel und zu dem mittleren Bürgertum gehört hatte, zu Schichten also, die seit der Zeit Maria Theresias ansässig geworden und berufen gewesen waren, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Einheit zu wahren, einesteils, anderenteils in immer stärkerem Maße mit ungarischen – dauernde Benachteiligungen erleidenden und Änderung suchenden – Schichten in Berührung gekommen waren. Die Eindrücke der Jugend, der Einfluß des Freundeskreises, die neueren ungarischen und politischen Beziehungen, vor allem aber der Umstand, daß er als Außenstehender, als Vertreter eines "neuen, starken Volkes", zwar in den Sog der österreichischen Geisteshaltung geraten, aber niemals Beamter der Monarchie geworden war, haben ihm, dem Außerhalbstehenden, die Freiheit des Geistes bewahrt.

Lenau wurde nicht nur wegen der Unausgeglichenheit seiner Gefühlswelt ein Meister der Darstellung des "träumenden Weltschmerzes", der Zerrissenheit, ein Meister der zauberhaften Stimmungsdichtung, und auch nicht, weil er schon sehr früh von den Schatten der Genie-Krankheit des Jahrhunderts erreicht worden war, die ihn schließlich verschlangen – sondern hauptsächlich deshalb, weil ihm niemals möglich gewesen war, diejenige Ruhe zu finden, die von jüngeren, nicht-österreichischen Dichtern seiner Zeit – denken wir nur an den größten, an Petöfi – gefunden worden war ….

Ohne seine Besonderheit zu qualifizieren, ist es nicht möglich, Lenau als österreichischen oder als deutschen Dichter zu bezeichnen. Er war eine osteuropäische Erscheinung und gehörte zu derjenigen, noch unausgebildeten Kulturschicht, die oft anstelle des kleinzähligen Bürgertums die wichtigsten Elemente zu den Änderungen auf diesem Gebiet geliefert, den Boden zu diesen Änderungen vorbereitet hatte. So wie Petöfi sprach auch Lenau über die notwendigsten Ziele der Revolution, nur dass sein dichterischer Weg komplizierter, sein Ende tragischer geworden war. Aber, um zwanzig Jahre älter als Petöfi, war er gezwungen, die Höllenqualen des Metternich- Regimes der Monarchie zu absolvieren. Daß in dem Lande, das er für sein Vaterland empfunden hatte, daß in Ungarn der Weg zur Revolution führen werde, hat ihn mit Freude erfüllt, und er hoffte darauf, daß ihm während der Freiheitskämpfe die Mittlerrolle zwischen den nach Frieden sich sehnenden Ungarn und den Schwaben zufallen werde. Aber während die Gestalt Petöfis am Ende der Freiheitskämpfe schon zur Legende geworden war, verdichtete sich um Lenau die Finsternis, er verfiel in geistige Umnachtung.

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Soweit Keresztury. Diese drei Textauszüge sollen für heute ausreichen, um Ihnen, liebe Zuhörer, einen Eindruck von Dezsö Kereszturys Schreibstil, von seiner Art zu denken, von seinem großen historischen Wissen und seinem Engagement als Kulturvermittler zu geben. Das einzige Werk, das er sich selbst widmete, seine Autobiographie, blieb bezeichnenderweise unvollendet. Er starb, bevor er sie fertig stellen konnte.

Doch auch so haben wir ein beachtliches Werk vorliegen, von dem ich Ihnen hier nur einen sehr kleinen, aber hoffentlich doch bezeichnenden Eindruck geben kann. Nicht unerwähnt lasse ich schließlich folgende Bemerkung.

Da Keresztury sowohl analytisch als auch dichterisch begabt war, bleibt auch in seinen theoretischen Erörterungen der Dichter niemals völlig außen vor. Das dichterische Talent Kereszturys verstärkt sogar die Kraft seiner analytischen Aussagen. Ein Beispiel ist das wunderbare Bild des Gulliver, das er für Bismarck findet, als er davon spricht, dass dieser sich als Riese - wie jene literarische Figur - über ein Land beugt – es ist Ungarn – um mit staunender Aufmerksamkeit das dortige Treiben zu studieren. Der Riese Bismarck ist ein Gulliver und Ungarn das Land Liliput, so die Sprache dieses poetischen Symbols.

In diesem lässig en passant hingeworfenen, aus der englischen Literatur (Jonathan Swift. London, 1726) entliehenen Bild zeigt sich in nuce, was für ein Glücksfall der Kulturgeschichte Keresztury war und durch die Überlebensfähigkeit seines Werkes auch weiterhin ist – und zwar für die gemeinsame europäische Identität beider Länder: Deutschlands und Ungarns. Man könnte dies auch als sanften, unausgesprochenen Hinweis auf die Lächerlichkeit allen nationalistischen Denkens auslegen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

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Dr. Andreas Schmidt-Schweizer, Historiker, Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest (Foto: eigenes Werk, Original und hier verwendeter Ausschnitt: kr/DUG. Sept. 2014; lizensiert unter Creative Commons Attr. Share Alike 3.0 Unported)

 

17. September 2014 (Berlin)

VORTRAG:

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND UNGARN
IM "ANNUS MIRABILIS" 1989.

Referent: Dr. Dr. Andreas Schmidt-Schweizer (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichtswissenschaften des Zentrums für Humanwissenschaften der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest) auf Einladung und vor der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin, am 17. 09. 2014 im Collegium Hungaricum Berlin. Die DUG dankt dem Referenten für die freundliche Überlassung seines Vortragstextes zwecks Veröffentlichung auf der DUG-Internetseite. Der nachstehende Text ist für eine private oder wissenschaftliche Nutzung in Gänze oder in Teilen unter Creative Commons (CC) Attr. Share Alike 3.0 Unported lizensiert (Urheber: Schmidt-Schweizer/K.R./DUG; Datum 17.09.2014). Für sonstige, vor allem kommerzielle Nutzungen des Textes oder einzelner seiner Teile sind das Copyright des Referenten/Autors und/oder das eigenständige Veröffentlichungsrecht der DUG zu beachten.

Während die pdf-Fassung des Vortragstextes sprachspezifische Sonderzeichen berücksichtigt, ist dies bei der folgenden doc.-Fassung nicht der Fall.

 

Download des nachstehenden Vortrags von Dr. Dr. Schmidt-Schweizer als pdf-Datei

TEXT DES VORTRAGS

Der 25. Jahrestag der Ereignisse vom 11. September 1989, also der offiziell erlaubten Ausreise der ostdeutschen Flüchtlinge aus Ungarn in den Westen, bietet in diesem Jahr einen erneuten, besonderen Anlaß für eine Reihe von wissenschaftlichen und politischen Veranstaltungen in Ungarn und Deutschland, auf denen die historische Bedeutung dieses Ereignisses und – selbstverständlich – auch die Dankbarkeit der Deutschen gegenüber Ungarn für das damalige mutige Handeln der ungarischen Politik zum Ausdruck gebracht werden. Ich denke, daß es sich bei dieser Gelegenheit auch lohnt, einmal einen umfassenderen Blick auf die westdeutsch-ungarischen Beziehungen in diesem Epochenjahr der Weltgeschichte zu werfen und die bilateralen Beziehungen 1989 nicht nur aus der Perspektive der – in ihrer Bedeutung zugegebenermaßen historisch-politisch herausragenden und zudem besonders medienwirksamen – Grenzöffnung zu betrachten.

Zwischenstaatliche Beziehungen werden immer auch durch die Entwicklungen in der Weltpolitik und durch die inneren Entwicklungen in den jeweiligen Ländern beeinflußt. In meinem Vortrag werde ich nicht näher auf die weltpolitischen Geschehnisse eingehen. Der damalige radikale Wandel im Ost-West-Verhältnis und innerhalb des "östlichen Lagers" sowie die Bedeutung des "Faktors Gorbatschow" für diese Veränderungen sind – so denke ich – hinreichend bekannt. Als Ausgangspunkt meiner Darlegungen halte ich es vielmehr für wichtig, die Entwicklung der politischen Lage in Ungarn seit Anfang 1989 als den "dynamischen Faktor" in den bilateralen Beziehungen vor Augen zu führen.

Gegenüber der Situation in der Bundesrepublik Deutschland zur Jahreswende 1988/1989, die von einer jahrzehntelangen Beständigkeit der politischen und ökonomischen Ordnung, der Stabilität der seit 1982 regierenden liberal-konservativen Koalition unter Helmut Kohl sowie einer weitgehenden Kontinuität des innen-, wirtschafts- und außenpolitischen Kurses geprägt war, zeichnete sich in Ungarn ein gänzlich anderes Bild ab. Bereits in der Endphase der Ära Kádár (Kádár-korszak, 1956-1988) hatte unter Ministerpräsident Károly Grósz seit Mitte 1987 ein Veränderungsprozeß eingesetzt, der wesentliche Elemente des sogenannten Kádárismus in Frage stellte. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sich Ungarns politische Führung vor dem Hintergrund der katastrophalen Wirtschafts- und Finanzlage des Landes dazu entschlossen, unter dem Terminus "sozialistische Marktwirtschaft" zu einer Marktkoordinierung der Wirtschaftsprozesse und zu kapitalistischen Unternehmensformen überzugehen. Darüber hinaus hatte man sich – sozusagen begleitend – zum Ziel gesetzt, im Zeichen eines – allerdings sehr unausgegorenen – "sozialistischen Pluralismus" radikale politische Reformen im Rahmen des Einparteiensystems einzuleiten.

Während der schrittweise ökonomische Transformationsprozeß (insbesondere mit der Implementierung des sogenannten Entfaltungsprogramms sowie der Verabschiedung des Gesetzes über die Investitionen von Ausländern in Ungarn und des Gesetzes über die Wirtschaftsgesellschaften) plangemäß verlief, gerieten die politischen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des Jahres 1988 hingegen außer Kontrolle. Vor dem Hintergrund unerwartet dynamischer Pluralisierungsprozesse in der ungarischen Gesellschaft ergriffen führende Politiker in Partei und Regierung, die die Zwänge und Möglichkeiten der Zeit erkannt hatten, nun die Initiative. Nach Übernahme der Regierungsgeschäfte durch den bisherigen ZK-Sekretär für Wirtschaftspolitik Miklós Németh leiteten führende um ihn als neuen Ministerpräsidenten und um Staatsminister und Politbüro-Mitglied Imre Pozsgay gescharte Politiker ab Ende 1988 einen neuen Kurs ein, der schnell den Rahmen politischer Reformen sprengte und bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1989 den Charakter einer politischen Systemtransformation annahm.

Im Januar 1989 wurde auf Veranlassung der "radikalen Reformer" in Staat und Partei – ich spreche lieber von "Transformern" – ein westlichen Maßstäben entsprechendes Vereinigungs- und Versammlungsgesetz verabschiedet, und Imre Pozsgay versetzte, indem er die Ereignisse von 1956 als "Volksaufstand" (anstelle von "Konterrevolution") bezeichnete, dem Gründungsmythos und der Eigenlegitimation des alten Regimes den Gnadenstoß. Im Februar 1989 erkannte das Zentralkomitee das Prinzip des kompetitiven Mehrparteiensystems an, und das Politbüro beschloß den Abbau des "Eisernen Vorhangs" an der Grenze zu Österreich. Im März 1989 verabschiedeten Regierung und Parlament Prinzipien zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung, in der Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und parlamentarische Demokratie verankert werden sollten. Im Mai 1989 wurden die Kader-Kompetenzen der Partei abgeschafft und damit die Trennung von Staat und Partei vorangetrieben sowie die parlamentarische Verantwortlichkeit der Regierung festgeschrieben, im Juni 1989 verabschiedete das Parlament ein Gesetz über die Volksabstimmung und Mitte des Monats begann der politische Dialog zwischen der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei und den oppositionellen Bewegungen am sogenannten Nationalen Runden Tisch.

Mit der Möglichkeit einer derart dynamischen politischen Entwicklung in Ungarn hatte in der Bundesrepublik Deutschland (und nicht nur dort) Ende 1988/Anfang 1989 natürlich niemand gerechnet. In Bonn verfolgte man zur Jahreswende vor allem die wirtschaftspolitischen Schritte der Regierung Németh, und die westdeutsche Wirtschaft zeigte – neben der weiteren Intensivierung der seit langem gut entwickelten Handelsbeziehungen – besonderes Interesse an Kapitalanlagen, vor allem nach der Verabschiedung des Gesetzes über die Wirtschaftsgesellschaften und des Gesetzes über Investitionen von Ausländern in Ungarn, die beide zum 1. Januar 1989 in Kraft traten. Ungarischerseits startete die Budapester Wirtschaftsführung derweil eine intensive Werbekampagne zur Erläuterung der ökonomischen Transformationsmaßnahmen und zur Anregung westdeutscher Kapitalinvestitionen. Im Zuge dessen führte Handelsminister Tamás Beck Anfang Februar 1989 intensive Verhandlungen mit Vertretern der westdeutschen Politik und Wirtschaft und warb dabei für eine – vollständige oder teilweise – Übernahme von fünfzig ausgewählten Staatsunternehmen durch westdeutsche Investoren.

Die politischen Vorhaben, die in den ersten Monaten des Jahres 1989 in Ungarn eingeleitet wurden und die bereits eine Grundsatzentscheidung zugunsten eines politischen Systemwechsels bedeuteten, lenkten dann aber das Interesse der bundesdeutschen Politik auf den ungarischen Demokratisierungsprozeß. Bei den zahlreichen Treffen von westdeutschen Landes- und Bundespolitikern, Parteifunktionären, Wirtschaftsführern und Vertretern der westdeutschen politischen Stiftungen mit ihren ungarischen Gesprächspartnern in der ersten Hälfte des Jahres 1989 stand der Wunsch nach Informationen über die politischen Maßnahmen und Ziele in Ungarn im Mittelpunkt. Diesem Ersuchen kamen die ungarischen Führungen auf den verschiedenen Ebenen der Politik (Parlament, Partei, Regierung und so weiter) selbstverständlich bereitwillig nach.

Auf Grund dessen, daß einerseits der sogenannte Reformflügel (also die erwähnten Transformer) in der ungarischen Führung entschiedene Schritte in Richtung des politischen Systemwechsels unternahm, andererseits sich im Frühjahr 1989 aber noch immer in zentralen Positionen Politiker befanden, die sich mit dem Demokratisierungsprozeß nicht wirklich anfreunden konnten (so Generalsekretär Károly Grósz und Politbüromitglied János Berecz), gab es zu diesem Zeitpunkt auf westdeutscher Seite noch deutliche Zweifel an der konsequenten Umsetzung und Ernsthaftigkeit der politischen Wende in Ungarn. Laut Bericht eines Agenten der ungarischen Staatssicherheit äußerte sich beispielsweise Bundeskanzler Helmut Kohl Mitte April 1989 während einer Fraktionssitzung, die sich mit den Entwicklungen in Polen befaßte, folgendermaßen: „Der […] Kanzler bewertete den polnischen Reformprozeß als nicht mehr rückgängig zu machen, während er den ungarischen wegen seiner Unausgegorenheit als Prozeß mit zweifelhaftem Ausgang betrachtete. Er setzte die Bedeutung der ungarischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reformen nicht herunter, er verwies aber auf die parteiinternen Gegensätze, wobei er die Bereitschaft der Konservativen zu Gegenangriffen sowie die Inkonsequenz der Maßnahmen der Regierung unterstrich.“ [Verschlüsseltes Telegramm des Agenten "Hansen" aus Bonn an die Abteilung III/I des ungarischen Innenministeriums. Gegenstand: BRD-Meinungen über den ungarischen Reformprozeß [24. April 1989] (Historisches Archiv der Staatssicherheitsdienste, Budapest (ÁBTL), Signatur: 1. 11. 4. D – V/1989, fol. 7-8]. Bis Mitte des Jahres 1989 gelang es allerdings den Kräften um Németh und Pozsgay, die "konservativen", bremsenden Kräfte innerhalb von Partei und Regierung zu entmachten und die politischen Veränderungen konsequent weiterzuführen. Damit wurden auch die Zweifel der bundesdeutschen Politik zerstreut.

Mitte 1989 äußerten sich die bundesdeutschen Regierungs- und Oppositionsvertreter durchwegs sehr positiv zu den politischen Entwicklungen in Ungarn, und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung, die als erste bundesdeutsche Stiftung bereits am 9. Juni 1989 ein Büro in Budapest eröffnete, begann, die politischen und ökonomischen Entwicklungen in Ungarn selbst zu unterstützen. Im Gegensatz zu zahlreichen Politikern in den Staaten des Westens, die – wie mein Kollege László Borhi in einem nun auch auf deutsch erschienenen Artikel darlegt [László Borhi, „Es ist die Pflicht Ungarns, im Warschauer Pakt zu bleiben.“ Internationale Zusammenhänge des Systemwechsels von 1989 im Spiegel ungarischer Quellen. In: György Gyarmati/Krisztina Slachta (Hrsg.), Das Vorspiel für die Grenzöffnung. Das Paneuropäische Picknick in Sopron am 19. August 1989. Sopron/Budapest 2014, S. 51-76] – den ungarischen politischen Veränderungsprozessen im Jahre 1989 sehr skeptisch gegenüberstanden, da sie eine dadurch mögliche Erschütterung des Status quo in Europa mit all‘ ihren Konsequenzen und – insbesondere im Falle der Verletzung der militär- und sicherheitspolitischen Interessen der Sowjetunion – die Gefahr des Sturzes Gorbatschows befürchteten, gab es auf westdeutscher Seite Mitte 1989 nur vereinzelt Bedenken vor einem zu schnellen Tempo und einer dadurch bewirkten Unberechenbarkeit der politischen Entwicklungen in Ungarn.

Bezeichnenderweise standen auf Seiten der bundesdeutschen Politik bis Mitte 1989 die Kontakte zu den führenden Vertretern in Partei und Staat eindeutig im Mittelpunkt, und es wurden nur ansatzweise Beziehungen zu den oppositionellen Bewegungen gepflegt. Dies lag zum einen daran, daß sich deren Organisationen noch im Aufbau befanden, in ihren Reihen politisch-programmatische Klärungsprozesse abliefen und zu diesem Zeitpunkt keine herausragenden Oppositionspolitiker – wie Lech Walesa oder Bronislaw Geremek in Polen – auf der Bühne der ungarischen Politik in Erscheinung traten, mit denen bundesdeutsche Politiker einen politisch bedeutsamen Dialog hätten führen können. Zum anderen war es darauf zurückzuführen, daß Regierung und Opposition in der Bundesrepublik die Németh-Regierung beziehungsweise die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei – auch langfristig – als die entscheidende Kraft in der ungarischen Politik, als unumgänglichen Machtfaktor betrachtete. (Zu dieser Zeit glaubten nicht nur die Machthaber in Ungarn, sondern auch bundesdeutsche Politiker, daß die Partei selbst nach freien Wahlen weiterhin in der Regierungsposition verbliebe.)

Die Haltung der bundesdeutschen Politik bezüglich der Entwicklungen in Ungarn Mitte 1989 offenbarte sich besonders deutlich in der "Gemeinsamen Erklärung der Bundestagsfraktionen über die Lage in Ungarn", die am 22. Juni 1989 von allen Fraktionen des Bonner Parlaments einstimmig (!) angenommen wurde. [Deutscher Bundestag, 11. Wahlperiode, Drs. 11/4840, 21. Juni 1989, S. 1-3. Deutscher Bundestag. Stenographischer Bericht, 11. Wahlperiode, 152. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 22. Juni 1989, S. 11453-11459]. Darin brachten sie ihre Sympathie für die politischen und wirtschaftlichen Veränderungsprozesse der vergangenen Jahre in Ungarn zum Ausdruck, lobten die positive Rolle des Landes in der internationalen Politik und riefen die Bundesregierung dazu auf, den wirtschaftlichen Transformationsprozeß in Ungarn zu unterstützen, finanzielle Hilfe zu leisten und zur Intensivierung des Verhältnisses zwischen Ungarn und der Europäischen Gemeinschaft beizutragen.

Nachdem mehrere spektakuläre Treffen von Spitzenpolitikern in den vorangegangenen Jahren (darunter der Ungarn-Besuch des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Oktober 1986 und ein Jahr später die Visite von Ministerpräsident Károly Grósz in der Bundesrepublik Deutschland) bereits eine neue Qualität des westdeutsch-ungarischen Verhältnisses signalisiert hatten, markierte diese Bundestagsdeklaration einen weiteren Höhepunkt in den bilateralen Beziehungen. Entsprechend konnte der ungarische Botschafter in Bonn, István Horváth, Ende Juni 1989 feststellen: „In allen Bereichen der bilateralen Beziehungen kommt die [positive] Wirkung der Ereignisse in Ungarn zur Geltung. Wegen der Beschleunigung der politisch-wirtschaftlichen Prozesse hat das sich mit Sympathie und Unterstützungsbereitschaft paarende Interesse sowohl in den Regierungs- als auch in den Oppositionskreisen beträchtlich zugenommen.“ [Botschafterbericht 1988/1989 von István Horváth. Bonn, 26. Juni 1989 (Ungarisches Nationalarchiv – Staatsarchiv (MNL OL), Signatur: 288.f.32/1989/58. .e., fol. 90-128, hier fol. 98.].

Die von allen maßgeblichen Kräften in der Bundesrepublik als äußerst positiv eingeschätzten Entwicklungen hatten auch ein ganz "handfestes" Ergebnis: Hatte sich Ungarn nach einem ersten Milliardenkredit aus der Bundesrepublik Deutschland im Herbst 1987 noch vergeblich um einen weiteren, von der bundesdeutschen Seite verbürgten Kredit von einer Milliarde D-Mark bemüht, kam es diesbezüglich nun zu einem Durchbruch. Ende Juni 1989 faßte die Bundesregierung den Beschluß, Ungarn einen Kredit von 250 Millionen D-Mark zu vermitteln sowie eine entsprechende Kreditbürgschaft zu übernehmen, und die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg sagten zu, für Kredite in Höhe von 750 Millionen DM einzustehen. Als Grund für diesen Schritt führte Bundeskanzler Helmut Kohl in einem Brief an den amerikanischen Präsidenten George Bush folgendes an: „Wir hoffen, daß die neuerliche finanzielle Hilfe Ungarn gerade in der jetzigen kritischen Phase in die Lage versetzen wird, seine politischen Reformen sowie die wirtschaftliche Öffnung zum Westen konsequent fortzusetzen.“ [Bundeskanzler Kohl, Schreiben an Präsident Bush. Bonn, 28. Juni 1989. In: Dokumente zur Deutschlandpolitik. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramts 1989/90. München 1998, S. 320-323, hier S. 322].

Wochen nach diesen Ereignissen, die das bereits Mitte 1989 ganz außergewöhnliche westdeutsch-ungarische Verhältnis vor Augen führten, kam es im Sommer 1989 zu jenen – uns allen bekannten – dramatischen Entwicklungen in Ungarn mit ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf die Zukunft Europas und Deutschlands. In diesen spannungsgeladenen, von zahllosen offenen Fragen und Widersprüchen in der ungarischen und internationalen Politik gekennzeichneten Monaten traten Anfang August 1989 Störungen im Verhältnis zwischen Bonn und Budapest auf. Der Auslöser war, daß die ungarische Führung einerseits – auf Grund bilateraler Verträge mit der DDR – zur Auslieferung von Grenzverletzern an Ostberlin verpflichtet war, aber andererseits nach dem am 12. Juni 1989 rechtswirksam gewordenen Beitritt zur Genfer Flüchtlingskonvention keine Zwangsabschiebungen mehr durchführen durfte: Auf Grundlage der Konvention ergab sich für Budapest eine Möglichkeit, sich der niedrigerrangigen bilateralen Verpflichtung zur Rückführung der vor allem aus Siebenbürgen nach Ungarn flüchtenden ungarischen Bevölkerung entziehen zu können, die sich angesichts des völlig zerrütteten ungarisch-rumänischen Verhältnisses in einer ähnlich zugespitzten Lage befand, wie sie die massenhaft nach Ungarn kommenden DDR-Flüchtlinge schufen.

Als ungarische Behörden in dieser rechtlich widersprüchlichen Situation verschiedener internationaler Verpflichtungen auch im Juli 1989 noch aufgegriffene ostdeutsche Grenzverletzer in die DDR zurückschickten (Mitte Juni hatte die DDR die Mitarbeiter ihrer Staatssicherheit mit dem Hinweis, die Republikflucht sei ein nicht ungestraft bleibender Verrat, auf ihren unveränderten Kurs eingeschworen und sich von Ungarn bestätigen lassen, daß die Flüchtlingskonvention nicht auf die DDR-Flüchtlinge Anwendung fände), kam es seitens Bonn zu scharfen Protesten im Innen- und im Außenministerium Ungarns, wobei der damalige bundesdeutsche Botschafter Alexander Arnot den ungarischen Politikern vor allem einen Widerspruch zwischen Wort und Tat vorwarf [Näheres siehe Tibor Dömötörfi/Andreas Schmidt-Schweizer: Eine merkwürdige Episode der westdeutsch-ungarischen diplomatischen Beziehungen in der ersten Augustwoche 1989 in Zusammenhang mit der Fluchtwelle der DDR-Staatsbürger in Ungarn. In: György Gyarmati/ Krisztina Slachta (Hrsg.), Das Vorspiel für die Grenzöffnung. Das Paneuropäische Picknick in Sopron am 19. August 1989. Sopron/Budapest 2014, S.109-127].

Der Umstand, daß sich Ungarn – wie es der damalige ungarische Justizminister Kálmán Kulcsár einmal ausdrückte – in jener Zeit "zwischen zwei Welten" befand, also einerseits noch der "alten Welt" des Kommunismus verhaftet war, andererseits aber bereits gewaltige Schritte in die "neue Welt" von Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus unternommen hatte, hätte von der bundesdeutschen Diplomatie mehr Feingefühl und Geduld erfordert, insbesondere, weil es sich bei der Frage der DDR-Flüchtlinge ja um ein im Kern deutsches Problem handelte, mit dem sich nun aber Ungarn auseinandersetzen mußte. Mehr westdeutsches Verständnis hätte zudem auch die Tatsache erfordert, daß die ungarische Führung in jenen Monaten nicht nur mit den Herausforderungen der DDR-Flüchtlingsfrage zu kämpfen hatte, sondern sich auch mit der vorerwähnten weiteren Flüchtlingswelle aus Ceausescus Rumänien, mit den Anfeindungen aus den orthodoxen kommunistischen Staaten, mit der Bekämpfung der akuten Finanz- und Wirtschaftskrise sowie mit den Aufgaben des politischen und ökonomischen Systemwechsels zu beschäftigen hatte. Die ungarische Entscheidung, die Grenze für die DDR-Bürger am 11. September 1989 zu öffnen, behob allerdings diese Störungen in den bilateralen Beziehungen und unterstrich, daß sich Ungarn eindeutig für die "neue Welt" entschieden hatte.

Der Beschluß der Németh-Regierung, die ungarisch-österreichische Grenze zu öffnen, war natürlich nur dadurch möglich geworden, daß die Sowjetunion Ungarn – wie bereits bei dessen Entscheidung, den "Eisernen Vorhang" abzubauen – auch in dieser Frage freie Hand ließ. Was aber hatte die ungarischen Machthaber letztlich zur "Freilassung" der DDR-Bürger bewegt? Um diese Frage beantworten zu können, muß zuerst noch einmal auf die Situation Ungarns im Sommer 1989 eingegangen werden. Wegen der Zahl der sich in Ungarn aufhaltenden Flüchtlinge aus der DDR, des unhaltbaren Durcheinanders an der ungarisch-österreichischen Grenze und des wachsenden internationalen Drucks auf Ungarn, der von Budapest – je nach politischem Lager – gänzlich konträre Entscheidungen verlangte, wurde die ungarische Führung letztlich gezwungen, eine Entscheidung zu fällen. Ein weiteres "Aussitzen" des Problems war, insbesondere vor dem Hintergrund der – verständlichen – hartnäckigen Weigerung der DDR-Bürger, nach Ostdeutschland zurückzukehren, und der Aussichtslosigkeit einer Einigung zwischen Bonn und Ostberlin, nicht mehr denkbar. Für die ungarische Entscheidung waren meines Erachtens vier Faktoren ausschlaggebend: 1) Die – schon seit Jahren – wachsende Antipathie der Ungarn gegenüber der Ostberliner Führung und das schwindende politische Gewicht der DDR im östlichen Lager; 2) das sich – wie dargelegt – äußerst positiv entwickelnde politische Verhältnis zwischen Bonn und Budapest; 3) die Tatsache, daß sich Ungarn in einer sehr starken finanziellen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Bundesrepublik Deutschland befand und auf deren Hilfe beim wirtschaft-lichen Systemwechsel existenziell angewiesen war und 4) das ganz wesentliche Faktum, daß die ungarische Führung im Falle eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Ostdeutschen beziehungsweise bei deren zwangsweiser Rückführung in die DDR – das wäre die Alternative gewesen – ihre gesamte, äußerst verdienstvolle (!) Politik der Westöffnung und Demokratisierung diskreditiert und unabsehbare innen- und außenpolitische Folgen heraufbeschworen hätte. Vor diesem Hintergrund hatte die Németh-Regierung also eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als die DDR-Flüchtlinge ausreisen zu lassen.

Der Beschluß der Németh-Regierung führte – wie auch immer man die Hintergründe für diesen Schritt beurteilen mag – nicht nur zu den erwähnten, bis heute anhaltenden Dankesbezeugungen aus Deutschland, sondern hatte natürlich auch besondere Folgen für alle Bereiche der bilateralen Beziehungen: Die Regierung Kohl sorgte nun mit besonderem Nachdruck für die Umsetzung der Ziele, die der Bundestag bereits in seiner oben zitierten Erklärung vom Juni 1989 grundsätzlich formuliert hatte. In diesem Sinne wurde die Abwicklung der – schon vor der Grenzöffnung zugesicherten – Kreditaktion von einer Milliarde DM beschleunigt (der Milliardenkredit vom Herbst 1989 war also keine "Gegenleistung" für die Grenzöffnung!) und Kanzler Kohl signalisierte zudem gegenüber Ministerpräsident Németh, er werde Kreditabkommen Ungarns mit der Weltbank und dem IWF unterstützen. Bonn setzte sich nun – neben der vorrangigen Annäherung Ungarns an die Europäische Gemeinschaft beziehungsweise der Assoziierung Ungarns – auf verschiedenen internationalen Foren mit besonderem Nachdruck ebenfalls für ungarische Belange ein, so beispielsweise hinsichtlich der Kontakte zur NATO. Darüber hinaus bemühten sich zahlreiche westdeutsche Politiker – insbesondere auch aus den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg – noch intensiver um die Ausweitung der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen und unternahmen insbesondere Schritte zur Förderung der Unternehmenskooperation und der – für den ökonomischen Transformationsprozeß eminent wichtigen – Kapitalinvestition bundesdeutscher Unternehmen in Ungarn. Und auch die besondere psychologische Atmosphäre in den bilateralen Beziehungen, die sich infolge der Grenzöffnung entwickelte, begünstigte – wie sich in den nächsten Jahren zeigen sollte – nicht nur die Wirtschaftsbeziehungen (siehe die Zahl von gemischten Unternehmen und Unternehmensgründungen beziehungsweise die Summe der westdeutschen Investitionen in Ungarn), sondern führte ebenso zu einem gewaltigen Aufschwung der politischen und kulturellen Beziehungen und überhaupt des Interesses der deutschen Bevölkerung am – nun nicht mehr kommunistischen – "Wunderland" Ungarn. (Vielleicht sollte sich auch die gegenwärtige ungarische Regierung etwas mehr Gedanken über die Rolle von psychologischen Faktoren in den bilateralen Beziehungen machen. Das in diesem Jahr eingeweihte umstrittenen Nazi-Besatzungsdenkmal in Budapest, das die "Unschuld" Ungarns und die "Schuld" des (Groß-)Deutschen Reiches 1944/45 in Ungarn symbolisieren soll, ist sicherlich nicht geeignet, zu einer positiven internationalen Atmosphäre beizutragen.)

Beginnend am 16. Dezember 1989, stattete Helmut Kohl – nach seiner historischen Polen-Reise im November 1989 – Budapest einen offiziellen dreitägigen Besuch ab und setzte damit demonstrativ ein Zeichen der Dankbarkeit für die ungarische Entscheidung vom September 1989. Seine Reise, die auf nachdrückliches Ersuchen der ungarischen Seite erfolgte, hatte noch einen weiteren wesentlichen Zweck. Sie sollte nämlich dazu dienen, der Regierung Németh bis zu den im Frühjahr 1990 angesetzten freien Parlamentswahlen innen- und außenpolitisch den Rücken zu stärken. Denn seit dem 11. September 1989 war Budapest in der internationalen Politik zunehmendem Druck der orthodoxen sozialistischen Staaten (DDR, CSSR und Rumänien) ausgesetzt, und es bekam vom Westen – mit Ausnahme der Bundesrepublik Deutschland – keine wesentliche politische, wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung für die Fortführung des Transformationsprozesses. Starke Kräfte, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Frankreich, standen dem Umbruch in Ungarn sogar mit wachsendem Mißfallen gegenüber und plädierten für den Erhalt des Status quo in Europa. Und innenpolitisch geriet die Németh-Regierung nicht allein unter den wachsenden Druck der erstarkenden Oppositionskräfte, sondern mußte sich vorrangig erst einmal in den eigenen Reihen durchsetzen, besonders bei der Verwirklichung ihrer Sparpolitik beziehungsweise bei der Verabschiedung des Haushalts 1990. In dieser außen- wie innenpolitisch diffizilen Situation stellte sich Bundeskanzler Kohl, der am berechenbaren, evolutionären Charakter der Entwicklungen in Ungarn interessiert war, demonstrativ hinter die ungarische Regierung – was ebenfalls als Dankesbezeugung verstanden werden kann. Er bekräftigte die politische, wirtschaftliche und finanzielle Hilfsbereitschaft der Bundesrepublik Deutschland sowie die Unterstützung Ungarns in der internationalen Politik und warnte – mit Blick auf die Opposition – gleichzeitig vor einer innenpolitischen Radikalisierung.

Der symbolträchtige Kohl-Besuch im Dezember konnte allerdings über zwei grundlegende Veränderungen nicht hinwegtäuschen, nämlich erstens, daß sich die "Ostpolitik" der Regierung Kohl seit Herbst 1989 in erster Linie wieder der Verbesserung des politisch gewichtigeren und historisch stark belasteten Verhältnisses zu Polen zuwandte und die Beziehungen zwischen Bonn und Budapest nicht zuletzt durch die Herausforderungen der deutschen Vereinigung zunehmend in den Hintergrund rückten. Und zweitens konnte der Besuch nicht bemänteln, daß Bonn zwar weiterhin gute Kontakte zur Németh-Regierung pflegte, mittlerweile aber in Kreisen der Opposition ebenfalls nach – neuen – politischen Partnern Ausschau hielt und diese insbesondere in der Person des christlich-konservativen – also politisch gleichgesinnten – Politikers József Antall und seiner Partei, dem Ungarischen Demokratischen Forum, auch fand. Als der "Stern" der sogenannten Reformkommunisten weiter sank, setzte sich diese Neuorientierung Bonns fort. Und als es der aus der alten Staatspartei hervorgehenden Ungarischen Sozialistischen Partei im Oktober 1989 nicht gelang, sich ein klares sozialdemokratisches Profil zu geben und personell einen radikalen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, begann dann auch die oppositionelle deutsche Sozialdemokratie sich von ihren "alten Freunden" abzuwenden und die wiederbelebte historische Sozialdemokratische Partei Ungarns zu unterstützen, welche jedoch innerlich zerstritten war und nie politisches Gewicht erhalten sollte.

Dem besonderen deutsch-ungarischen Verhältnis, daß sich in den anderthalb Jahrzehnten seit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen im Dezember 1973 schrittweise herausgebildet und mit der Grenzöffnung vom September 1989 einen spektakulären Höhepunkt erreicht hatte, tat der Wandel allerdings keinen Abbruch. Auch in den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich die bilateralen Beziehungen zwischen der "neuen" Bundesrepublik Deutschland und der Republik Ungarn in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht – wie wir alle wissen oder es miterlebt haben – äußerst intensiv und wechselseitig gewinnbringend. Das Vermächtnis von 1989 wirkte und wirkt bis in die Gegenwart – auch in Zeiten, in denen die deutsch-ungarischen Beziehungen auf Grund der gegenwärtigen "Revolution" unter Ministerpräsidenten Viktor Orbán keineswegs wolkenlos sind.


Stand: 01.10.2014

(Zur Vertiefung oder als Ergänzung der vorstehen Ausführungen verweisen wir auf ein weiteres im September 2014 zweitveröffentlichtes Referat von Dr. Dr. Schmidt-Schweizer vom 21. Dezember 2013, dessen Text die an dem genannten Datum erinnerte Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Ungarn im Jahr 1973 behandelt und als pdf-Datei auf der DUG-Internetseite verfügbar ist (http://www.d-u-g.org/uploads/media/Schmidt-Schweizer_Vortrag_Dez._2013_-_40_Jahre_diplomat._Bez._DE-HU.pdf) oder dort als Word-Document unter "Veranstaltungen" => Drittveranstaltungen/Berichte => 2014 nachgelesen werden kann. Außerdem sind aus Anlaß des Erinnerns im Jahre 2009 an die Vorgänge zwanzig Jahre zuvor Texte auf der DUG-Internetseite nachzulesen ("Veranstaltungen" => Sonstige Texte => 2009 Gedenken an Ungarn ’89).

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