Seit 1991 die einzige deutsch-ungarische Gesellschaft mit Sitz in der deutschen Hauptstadt

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Klaus Rettel, Präsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG), Sitz Berlin

 

GRUSSWORT

beim "Fest für Ágnes Heller" am 06. September 2010, Goethe-Institut in Budapest

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Sehr geehrte Frau Heller,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Freunde Ágnes Hellers –

und in der einen oder anderen Form, eher persönlich oder mehr ihrem Werk verbunden, können Sie nichts anderes als Freunde derjenigen sein, die wir heute in dieser Feierstunde aus Anlaß der ihr verliehenen Goethe-Medaille ehren wollen.

Wenn ich dies namens der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft e. V. (DUG) als deren Präsident tue, so nicht nur aus der angenehmen Pflicht heraus, weil Frau Heller zu unseren geschätzten Ehrenmitgliedern zählt und weil unsere Gesellschaft die einzige deutsch-ungarische ist, die sich dessen rühmen darf. Mehr noch freuen wir uns, daß Frau Heller – diese wahrhaft international arbeitende und international die Philosophie beeinflussende Wissenschaftlerin – mit der Verleihung der Medaille in den Kreis von mehr als 335 Personen des weltumspannenden Geisteslebens gerückt ist. Sie ist nicht die erste Persönlichkeit aus Ungarn, die diesen offiziellen Orden der Bundesrepublik Deutschland erhält, aber sie stellt damit einmal mehr ihr Herkunftsland in den Olymp von 58 Nationen, deren Söhne und Töchter als 'globale Akteure' die deutsche Sprache vermittelt und den internationalen Kulturaustausch gefördert haben – so die offizielle Begründung für die Verleihung der Medaille.

Und wenn leider noch immer viele Personen inner- und außerhalb Ungarns Frau Heller auf ihre Liebelei mit dem Marxismus in den frühen 1950er Jahren reduzieren, so zeigt bereits ihre Teilnahme am Petöfi-Kreis im Vorfeld des ungarischen Volksaufstandes von 1956, daß sie sich unter Repressionen des Regimes die Freiheit nahm, den Marxismus zu hinterfragen, die Wahrheit über ihn durch seine Perversionen im Stalinismus zu erkennen und ihn für sich zu überwinden, indem sie über ihren Lehrer Lukács hinausdachte. Damit erreichte sie eine – auch international geschätzte – Qualität von Erkenntnissen, die neben ihrer Person auch ihrem Land zur Ehre gereicht. Sie ist sozusagen ein 'Hungaricum', auf das die ganze Nation, in deren Hauptstadt wir uns heute versammelt haben, stolz sein darf, nein stolz sein muß.

Als Frau Heller aus diesem Land, welches sie wegen ihrer patriotischen Liebe zu der nur hier zu sprechenden ungarischen Sprache nie verlassen wollte, dann aus politischen Gründen vergrault wurde, gehörte sie zu dem Kreis der Exilanten, über die der Nobelpreisträger Imre Kertész – ebenfalls Goethe-Preisträger und ebenfalls Ehrenmitglied der DUG – einmal sagte: Es ist etwas, zu Hause heimatlos zu sein als in der Fremde, wo wir in der Heimatlosigkeit ein Zuhause finden können. Ágnes Heller hat es gefunden, ihr Zuhause wurde die Philosophie – eine Philosophie, die die nationalen Fesseln abstreift und die nationalen Denkschemata sprengt.

Ihre Hermeneutik ist die von ihr entwickelte Kunst, bei aller Einbindung in eine durch gemeinsame Sprache und Kultur definierte Gesellschaft die geschichtliche Gebundenheit menschlichen Denkens und Verstehens zu überwinden. Sie vermag es, über den tradierten Werte- und Politikkanon hinaus eine Autonomie des Geistes zu entwickeln, dabei keiner Denkschule anhängig und von keiner Denkschule abhängig zu sein, im wahrsten Sinne 'kosmopolitisch' zu sein. Die Themenvielfalt – von Politik bis Moral, von Religion bis Ethik, von Geschichte bis Feminismus, vor allem auch die Ästhetik, die ihr allenthalben als begeisterter Museums-, Theater- und Musikliebhaberin am Herzen liegt –, die Vielfalt all dieser Themen und die mangelnde Scheu, unter ihnen Verbindungen herzustellen, das eine Thema aus der Sicht eines anderen Themas zu erforschen, stellen den besonderen Reiz der Hellerschen Arbeit dar. Nie wird von ihr ein Thema isoliert oder abschließend behandelt, immer wieder verlangen der gewandelte Raum und die sich wandelnde Zeit nach erneuter Beschäftigung. Immer wieder gibt es neue Blickwinkel, die es wert machen, ein Thema vielleicht nach Jahren nochmals aufzugreifen, fortzuentwickeln und dabei zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Dem Namensgeber der Goethe-Medaille wird als letztes Wort zugeschrieben „Mehr Licht!“, wobei die Worte als solche wie auch ihre Interpretation fragwürdig sind. Was heißt dieses „Mehr Licht“? Goethe hat einmal seine juristischen Kollegen mit der ihm eigenen Ironie ermuntert: Legt ihr’s nicht aus, dann legt was unter! Wenn wir hier also der üblichen Auslegung – oder ist es doch eine 'Unterlegung' im Sinne einer Unterstellung? – folgen wollen, daß Goethe mit dem Ruf nach mehr Licht eigentlich nach mehr Erkenntnis verlangte, so wie es sein alter ego, der Faust, sein Leben lang erstrebte, um zu erkunden, was die Welt im Innersten zusammenhält, wenn also diese Auslegung stimmt, dann ist Ágnes Heller die rast- und ruhelose Seelenverwandte von Johann Wolfgang Goethe. Sie ist es auch deshalb, weil Goethe mahnte: Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und … einige vernünftige Worte sprechen. Wahrlich: mit ihrem Streben nach Erkenntnis und Vernunft, mit ihrer Liebe zur Kunst erweist sich Ágnes Heller als eine würdige Trägerin der Goethe-Medaille. Wir gratulieren!