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Ildikó Enyedi wurde mit dem Goldenen Bären als Regisseurin des besten Spielfilms auf der diesjährigen (67.) Berlinale ausgezeichnet, wie die Jury unter Leitung des niederländischen Regisseurs Paul Veerhoeven am 18. 02. 2017 mitteilte. Foto: Alchetron (04.05.2012) - Gemeinfrei unter Creative Commons Share Alike (CC-BY-SA 4.0)

 

Dem ungarischen Film "Teströl és lélekröl" der Regisseurin Ildikó Enyedi erkannte die Jury der 67. Berlinale unter dem Vorsitz des niederländischen Regisseurs Paul Verhoeven am 18. Februar 2017 den Goldenen Bären als bestem Spielfilm zu. 

Enyedis auf den Berliner Filmfestspielen preisgekrönter Film "Teströl és lelekröl" (On Body and Soul/Körper und Seele) ist ein poetisches, leises Liebesdrama zwischen dem älteren leicht behinderten Angestellten Endre (Géza Morcsányi) und seiner autistisch-scheuen jüngeren Mitarbeiterin Mária (Alexandra Borbély) in einem Budapester Schlachthaus; beide haben sich von ihrer Umwelt abgekapselt und wahren ihre Verschlossenheit zueinander. Die Handlung wird symbolhaft überlagert von den von beiden geträumten Bildern eines Hirsches und eines Rehs - eines Traums, den sie unabängig voneinander des Nachts träumen und über den sie sich zaghaft näherkommen. In ihren identischen Traumbildern erkennen sie ihre Seelenverwandtschaft, die es ihnen ermöglicht, ihre Gefühle zu entdecken und auch zu zeigen. Der Film spielt vor dem Hintergrund der ungarischen Gesellschaft, die in Profitstreben, Korruption und geistiger Enge gefangen ist (was Enyedi auch in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur thematisierte und in dem Satz zusammenfaßte: "Was jetzt in unserem Land passiert, ist eine Schande und macht wirklich Angst."). Wie Enyedi in ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung sagte, sollte es ein einfacher Film werden, durchaus auch mit komischen Momenten, aber "so einfach und klar wie ein Glas Wasser". Außer dem Goldenen Bären erhielt der Film den FIPRESCI-Preis des Internationalen Verbanden der Filmkritik sowie den Preis der Ökumenischen Jury.

Stellvertretend für einige ihrer Pressekollegen sei hier Verena Lueken (FAZ Feuilleton, 20.02.2017) zitiert, die den Film den "poetischsten" des ganzen Wettbewerbs nannte, der "seit seiner Premiere am ersten Tag des Festivals bereits als haushoher Favorit galt". Das - so ist zu ergänzen - traf nicht für alle Kritiker zu, von denen einige den finnischen Konkurrenzfilm "Toivon tuolla puolen" (Die andere Seite der Hoffnung) an der Spitze sahen (sein Regisseur Aki Kaurismäki erhielt den Silbernen Bären für die beste Regie).

Die Produzenten des ungarischen Films sind Monika Mécs, András Muhi und Ernö Mesterházy.

42 Jahre sind vergangen, seitdem sich - diesmal gegen 17 weitere Filme - ein ungarisches Werk wieder im Hauptwettbewerb der Berlinale durchsetzte und einen Goldenen Bären erhielt: Denn 1975 gewann ihn die Regisseurin Márta Mészáros erstmals für Ungarn und überhaupt als erste an der Berlinale teilnehmenden Frau für ihren Film "Örökbefogadás" (Die Adoption). In der Reihe der mit einem Goldenen Baren ausgezeichneten Regisseurinnen ist Enyedi nach Mészáros und einer Russin (1977), einer Bosnierein (2006) und einer Peruanerin (2009) nunmehr die fünfte Filmschaffende, die sich über einen Goldenen Bären freuen kann.

Die am 15. November 1955 in  Budapest geborene Ildikó ENYEDI ist eine ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin. Nach dem Studium an der Budapester ELTE Universität, einigen Arbeiten als Medien- und Konzeptkünstlerin und im Kurzfilmbereich (1981, 1983) begann sie ihre eigenständige Regiearbeit bei Spielfilmen mit einem ersten Film im Jahre 1986; seitdem hat sie bei weiteren elf Filmen und einer Fernsehserie (2012-2016) Regie geführt. 1989 erhielt sie die Goldene Kamera für ihren Debutfilm "Az én XX. szazadom" (Mein 20. Jahrhundert) bei den Filmfestspielen in Cannes (der Film wurde in Ungarn zu einem der besten Filme aller Zeiten gewählt). Fünf Jahre später zeigte sie ihren symbolbefrachteten englischsprachigen Phantasiefilm Magic Hunter  (Büvös vadász/Der verzauberte Jäger - nach Motiven der Oper "Freischütz"), für den sie auch das Drehbuch mitgeschrieben hatte, im Hauptwettbewerb des 51. Filmfestivals in Venedig. Insgesamt erhielt sie bisher für ihre Filme mehr als vierzig internationale Preise.1992 war sie Mitglied der Jury der 42. Berlinale und 2007 Mitglied des 29. Moskauer Internationalen Filmfestivals. Sie unterrichtet das Fach Film in Meisterklassen und an der Theater- und Filmhochschule in Budapest und ist Gründungsmitglied der European Cross Media Academy sowie Mitglied der European Film Academy.

Ildikó Enyedi ist mit dem deutschen Schriftsteller und Politologen Wilhelm Droste verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt mit ihrem Mann zeitweise in Deutschland.

 

Ildikó Enyedi auf der Pressekonferenz zu ihrem Film "On Body and Soul" /Körper und Seele) auf der Berlinale 2017. Foto: Maximilian Bühn, 10.02.2017. Foto gemeinfrei unter Creativ Commons Share Alike (CC-BY-SA 4.0).

 

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Benedek "Bence" Fliegauf, Gewinner des Großen Jurypreises und damit des Silbernen Bären auf der 62. Berlinale 2012 für seinen Film "Csak a szél" (Nur der Wind). Foto: © berlinale.de (2012).

Der jetzige ungarische Erfolg läßt die Gedanken an den mit dem Preis der Jury und damit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Film von Benedek "Bence" Fliegauf auf der 62. Berlinale 2012 zurückgehen, damals auch schon ein früher Favorit für eine Prämierung. Die ungarisch-deutsch-französische Koproduktion "Csak a szél" (Only the Wind/Nur der Wind) unter ungarischer Regie thematisierte eine reale Mordserie, der in Ungarn in wenig mehr als einem Jahr acht Menschen zum Opfer fielen. Fliegauf entwickelte die beklemmende Pogromstimmung, aus der Gewalt gegen Minderheiten entsteht, aus dem Desinteresse der Dorfbevölkerung, ihrer Abneigung gegen "Zigeuner" und der Segregation der ärmlichst am Ortsrand lebenden Roma-Gruppe; die latente Ablehnung materialisiert sich in der vorgeblichen Ahnungslosigkeit der Dorfbevölkerung bei einem ersten Mord bezüglich Tatbegehung und flüchtigen Tätern. An einer benachbart lebenden Roma-Familie zeigt Fliegauf, wie deren mühsam verdrängte Angst durch das Verhalten der schweigenden Mehrheit immer spürbarer wird, wie selbst die banalste Tätigkeit der Roma von der bedrückenden, in jedem Filmbild mitschwingenden und auf den Zuschauer übersprigenden Bedrohung gelähmt wird und wie das Im-Stich-Lassen der von rassistischem Terror verfolgten Roma auf die unausweichbar erscheinende zweite Mordserie hinausläuft.